Warum ist „Spaced Repetition Software“ so unpopulär? (Part 1)

Dies ist eine Übersetzung des englischen Original Beitrags von Peter Lewis. Er thematisiert seinen Beitrag den er im Rahmen des Berlin Quantified Self Meetups im November in Berlin gehalten hat. Der Beitrag besteht aus zwei Teilen:

  1. Was ist Spaced Repetition Software?
  2. Warum wird sie so wenig genutzt und was können wir dagegen tun?

Teil 1: Was ist Spaced Repetition Software?

Spaced Repetition Software ist eine einfache und wirkungsvolle Lernhilfe, welche sich besonders gut für das Lernen von Sprachen eignet. Leider hat sich diese trotz vielversprechender Ansätze in den letzten 20 Jahren, noch nicht weit über die kleine Gruppe von Nerds wie mir verbreitet.

Im Grunde sind es einfache Karteikarten mit Bewertungsschaltflächen. Beim Anzeigen wird entschieden wie sicher man sich mit dem Inhalt ist und benotet dies mit einer Kennzahl. Das nachfolgende Beispiel zeigt das Verfahren beim Lernen von deutschen Vokabeln. Das deutsche Wort wird im oberen Bereich der Karte angezeigt und man überlegt wie die Übersetzung des Wortes lautet. Ist man sich sicher (oder am verzweifeln weil man keine Idee hat), drückt man Enter und die richtige Antwort sowie die Bewertungsschaltflächen eingeblendet. Nach der Bewertung folgt automatisch die nächste Karte.

SRS_flowchart

Die gewählte Ziffer gibt an wie sicher man sich mit der Antwort war. Sehr sicher ohne Schwierigkeiten kann z.B. mit der 4 angegeben werden. 1 dagen wenn man nicht einmal eine Idee hat. Die Werte sind für Abstufungen dazwischen. Wichtig ist sich selbst ein Bewertungsverfahren im Umgang mit den Ziffern zu  erarbeiten, welches möglichst konsequent angewendet wird.

Wie vielleicht schon vermutet, arbeitet im Hintergrund ein Algomithmus der die Bewertung der Karten analysiert. Das Resultat ist die Terminierung der Karten bzw. deren Lernwiederholung. Je sicherer man mit einer Karte ist, umso seltener wird diese Angezeigt und umgekehrt.

Dieser Automatismus ist kein Hexenwerk. Er setzt nur um, was man auch mit Papier -Karteikarten tun würden. Die Grundlage dieses Algomithmus wurde schon 1987 von einer polnischen Studentin namens Piotr Wozniak geschrieben. Der Code ist relativ simpel und kann sicher von jedem fähigen Programmierer in einer eigenen Implementierungen umgesetzt werden.

Ähnliche Mechanismen wurden bereits in älteren Lernmethoden (z.B. der Pimsleur Methode) angewandt. Wozniak erkannten jedoch, dass der Prozess mit Hilfe eines Computers und der Einführung eines benutzerspezifische Feedback zu einem Quantensprung der Effizienz führen würde.

Den Erfolg dieser Verbesserungen kann ich bestätigen, denn ich habe diese Methode vor zwei Jahren, als ich begann Deutsch zu lernen ausprobiert. Ich würde sagen, dass ich auf diese Weise genauso viel gelernt habe, wie ich es in einem fünf monatigen intensivem Sprachunterricht tat. Vom Arbeitsaufwand standen hier 20 Minuten Arbeit mit den (digitalen) Karten – gegen dreieinhalb Stunden Sprachkurs.

Für diesen Artikel, habe ich ein Selbstexperiment durchgeführt. Dieses zeigt den gesamten (Lern)Prozess:

Mein Selbstexperiment im Oktober 2012

Für dieses Experiment habe ich mir ein deutsches Buch vorgenommen. Binnen eines Monats habe ich versucht so viel wie möglich zu lernen, indem ich jedes unbekannte Wort nachgesehen habe. Meine Wahl viel auf einen Krimi von 1940:

book_cover

Im ersten Schritt habe ich die mir unbekannten Wörter gekennzeichnet und nachgeschlagen:

book_interior

Im zweiten Schritt habe ich die Wörter in die Software eingepflegt:

mnemosyne_screenshot_1

Der dritte Schritt war das tägliche Sichten und Bewerten der jeweils terminierten Karten des Tages:

mnemosyne_screenshot_2

Die Bewertungskennzahlen reichen von 0 bis 5. Die aktuelle Lerneinheit kann nicht beendet werden, wenn nicht alle zu lernenden Karten mindestens mit 2 bewertet worden sind. Die ¨Belegung¨ der Ziffern habe ich wie folgt festgelegt:

       0: [nicht verwendet]
       1: falsch beantwortet
       2: richtig beantwortet, jedoch nur weil ich nachgesehen habe
       3: richtig beantwortet, aber ich musste lange nachdenken
       4: problemlos beantwortet
       5: fängt an mich zu langweilen

Am Ende erhielt ich diese Ergebnisse:

chart_1

Die gestapelten Balken zeigen die eingepflegten Karten in meinem Lernstapel. Die Farbe zeigt jeweils den „Lerngrad“ an. Ich habe für etwa 20 Tage jeweils zwischen 20 und 80 Karten eingeben. Täglich war dies etwa ein Kapitel. Als ich alle unbekannten Wörter eingepflegt habe, wurde bis zum Ende des Monats nur noch weiter wiederholt und gelernt.

Am Ende meines Experiments habe ich weit über 500 Wörter mit der Bewertung 4 (oder besser) gelernt. Ich konnte diese auch außerhalb des „Trainings“ behalten und zum Teil direkt in täglichen Gesprächen anwenden.

Die folgende Grafik zeigt den Zeitaufwand für das Eingeben und Bewerten der Karten. Im Durchschnitt dauerte es täglich 12 Minuten.

chart_2

Ich habe die Zeit die ich für das Lesen und Nachschlagen der Wörter benötigt habe nicht extra dokumentiert. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit bereits fertige Vokabellisten zu nutzen. Die Ausgangsbasis für meine Vokabelliste bildete das nachfolgend abgebildete Buch:

hueber_1

Ich bin mir sicher, dass es Vorteile mit sich bringt, sich die Vokabeln selbst zu erarbeiten. Ich könnte Wetten das ohne diese Vorarbeit an vielen Stellen weitere Wiederholungen der Wörter nötig geworden wären. Trotz der aufgewendeten Arbeit bin ich von der Methode überzeugt. Ich kann mir nicht vorstellen das eine andere auch nur annähernd diese Art von Effizienz erreicht.
Einen passenden Hinweis zur Lernstrategie gibt das Hueber Buch:

hueber_2

Mit einer klassischen Lernmethode hätte ich wohl das doppelte an Zeit investieren müssen und hätte wohl doch nicht den gleichen Fortschritt wie mit der Anwendung erreicht. Selbst wenn es mit herkömmlichen Methoden ginge, erleichterten die quantitativen Feedbackmechanismen der Spaced Repetition Software das Lernen enorm. Auch wenn es vielleicht albern klingt, war das beste an jeder „Lern-Session“ das Benoten der Karten und das begutachten des Fortschittbalkens.

Du möchtest es selbst ausprobieren? Hier sind die ¨big three¨ der Spaced Repetition Programme:

  • Supermemo (old versions free, new versions $40-60)
  • Mnemosyne (free and open source)
  • Anki (Desktop version free, iOS client $25)

Supermemo ist die älteste der Anwendung und wurde von Wozniak selbst entwickelt. Es ist die wohl am mächtigste Anwendung mit einer Fülle an Funktionen. Die Einarbeitung hat es jedoch in sich. Zwei weitere Open-Source Projekte sind Mnemosyne und Anki. Mit ihnen ist der Einstieg deutlich einfacher.

Aktuell verwende ich Mnemosyne. Die verwendeten Screenshots sind ebenfalls aus Mnemosyne. Ausprobiert habe ich alle drei Anwendungen die ihren Zweck gut erfüllen. Am Ende ist es Geschmackssache für welche man sich entscheidet.

Im zweiten Teil dieses Beitrags möchte ich genauer darauf eingehen, warum diese Art von Software noch nicht weiter verbreitet ist. Welche Alternativen gibt es und wie können diese umgesetzt werden: Weiter zu Teil 2 ->

 

3 Gedanken zu “Warum ist „Spaced Repetition Software“ so unpopulär? (Part 1)

  1. Ich lerne spanisch mit Anki und ich bin begeistert, das Programm ist genau die richtige Methode für mich zu lernen: wenig zeitintensiv aber sehr effektiv. Ich glaube auch, dass es sowohl für den Lernfortschritt als auch für die Motivation sinnvoll ist keine Vokabellisten sondern selbst eingetippte Vokablen zu verwenden.

    Das geniale an Anki ist die Synchronisation mit meine Androidhandy, ich tippe jeden Tag neue Wörter am PC ein und lerne diese wenn ich Zeit habe am Handy, zB im Bus.

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