Show & Tell #5 in Berlin

Zum fünften Berliner Quantified Self Meetup fanden wir uns erstmals im Hubraum, dem Startup Inkubator der Deutschen Telekom, wieder. Dieser bot einen hervorragenden Raum für ein anregendes Treffen, das von Florian Schumacher moderiert wurde. Mit mehr als hundert Teilnehmern war dann auch die Nachfrage groß.
QS Berlin #5

Wolverine werden (Max Gotzler)

Im ersten Vortrag des Abends teilte Max Gotzler seine Erkenntnisse über den optimalen Weg mehr wie Wolverine zu werden. Als Selbstvermesser ging er die Sache natürlich systematisch an und fokussierte sich bei seinen Bluttests auf den Testosteronspiegel.

Nach einer Einführung in die biologische Funktion des Testosterons, erklärte er auch warum dieses wichtige Hormon im Alter tendenziell abnimmt.

Sein Experiment begann nachdem er in einem Bluttest feststellte, dass sein Testosteronspiegel erstaunlich tief war. Max wechselte daraufhin auf eine Low-Carb Diät und reduzierte den Anteil der Kohlenhydrate auf unter 30%. Obwohl er sich aggressiver und besser fühlte passte der deutliche Gewichtsverlust nicht zum Wolverine-Pfad. In einem Bluttest fand er auch, dass seine Testosteronwerte deutlich abgenommen hatten.

In der folgenden Zeit begann er mehr Kohlenhydrate zu essen und nahm prompt wieder fünf Kilo an Muskelmasse zu. In einem erneuten Bluttest fand Max eine dramatische Erhöhung seines Testosteronwertes. Obwohl der Zusammenhang zwischen Testosteron und Kohlenhydrateinnahme nicht ganz bekannt ist, fand Max doch eine Studie in der kohlenhydratarme Ernährung den Testosteronspiegel in Athleten senkte.

Testosterone

Max gab ebenfalls ein kurzes Update zu seinem Startup Biotrakr, das ambitioniert allen zum Wolverine-Status verhelfen möchte. Der erste Schritt auf diesem Weg ist ein Vitamin-D Test, der auf Biotrakr innert Kürze erhältlich sein wird.

Bluttests und Fast-Food Experimente (Roland Gaber)

Auch im zweiten Show & Tell waren Bluttests das zentrale Thema. Rolands Erfahrungen mit Bluttests begannen vor neun Jahren als er plötzlich starke Magenschmerzen bekam und in den folgenden Monaten 20kg Gewicht verlor. Nach langer Suche half ihm ein Bluttest schlussendlich die Ursache in mangelhaften Magnesium-, Zink- und Proteinwerten zu finden. In der Folge halfen ihm Sport, gesundes Essen und die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln um sich wieder zu erholen.

Das letzte Jahr verbrachte Roland als Austauschstudent an der University of Chicago und führte da ein grosses (und ausgesprochen amerikanisches) Selbstexperiment durch: Eine hundertprozentige Fastfood Diät!

Nachdem er sich selbstlos zwei Monate diesem Experiment hingegeben hatte, zeigte ein Bluttest mit Inside Tracker dass sein LDL-Cholesterol und Vitamin-D Niveaus schlecht waren. Auch Magnesium, Testosteron und HDL Cholesterol waren nicht ideal.

In der Folge, startete Roland Phase 2 seines Experimentes: gesünderes Essen, Schrittezählen mit Jawbone, viele Nüsse und Früchte und Besuch der Freundin. In der Tat wirkten diese und seine Testergebnisse verbesserten sich markant.

Schritt für Schritt Richtung Halbmarathon (Holger Dieterich)

Für Holger fing seine persönliche Reise mit dem Kauf eines Fitbits an. Im Januar 2012 begann er aus Neugierde seine Schritte zu tracken. Da er seinen Tagesdurchschnitt von 7’500 Schritten nicht zufriedenstellend fand, ging er nach einiger Zeit vom tracken zum optimieren über und setzte sich ein Ziel von 10,000 Schritte pro Tag. Auch dank der Hilfe seiner Frau, die sich als effektive Motivatorin herausstellte, erreichte er das Ziel.

Danach hörte Holger von einem neuen Phänomen namens ‘Jogging’. Er lud sich die App Runkeeper runter und begann dessen Halbmarathon Programm. Durch Ziel und den motivierenden Effekt des Tracken fand er es erstaunlich einfach den Trainingsplan einzuhalten – selbst in Berlins bisweilen unfreundlicher Kälte. Seine Aktivität und ein deutlicher Fettverlust zeigte auch auf der Withingswaage. Im März steht der Halbmarathon an!

Audience QS Berlin

Quantified Self – Eine Journalistenperspektive (Christoph Koch)

Journalisten haben oft eine ambivalente bis negative Einstellung gegenüber Quantified Self. Christoph Koch, ein Journalist für Brand Eins und andere Medien, unterscheidet sich allerdings da er sich selbst praktisch mit dem Thema auseinandersetzte und darin grossen Wert fand. Er schrieb in der Folge sogar ein Buch über seine Erfahrungen: Die Vermessung Meiner Welt. Darin dokumentiert er seine zahlreichen Selbstvermessungsexperimente, die von Schritte zählen, zu Essen, Ausgaben, und Produktivität reichten.

Er fand dabei, dass Verhalten zu ändern einfach ist wenn man etwas misst und die Daten als Feedback hat: Zum Beispiel nutzte er zum ersten Mal  regelmässig Treppe statt Aufzug.

In seinem Vortrag nahm sich Christoph allerdings der Berichterstattung über Quantified Self in den Medien an. Er lehnte sich dabei im wesentlichen an Standartsituationen der Technologiekritik von Kathrin Passig an. Diese hat immer wiederkehrende Mustern der Technologiekritik dokumentiert. z.B.

  • Wofür ist das überhaupt gut?
  • Ist das nicht nur für Privilegierte?
  • Das ist gar nichts neues.
  • Es ist zu kompliziert.
  • Junge Leute werden es inkorrekt verwenden.
  • Es macht die Kultur kaputt.

In Christophs unterhaltsamer Präsentation machte er eine Tour durch die Berichterstattung über Quantified Self und fand genau diese Muster auch wieder. (Als jemand der auch schon öfters in den Medien zum Thema Quantified Self portraitiert wurde, konnte Ich seinen Einschätzungen nur zustimmen.)

Christoph schreibt auch den self-tracking-blog.de, wo er sich mit dem Thema befasst.

OFFTIME (Alexander Steinhart)

Zuletzt stellte Alexander Steinhart kurz die Anwendung seines Startups (OFFTIME) vor. Der Zweck von (OFFTIME) ist es auf dem Mobiltelefon (leider nur Android) Internet, Telefon, SMS temporär auszuschalten um Perioden der Stille, Entkoppelung und Produktivität zu ermöglichen. Ähnliche Dienste sind auch für den Computer populär (z.B. SelfControl) doch (OFFTIME) bringt dies nun auch zu Smartphones und gibt zudem Feedback über den Gebrauch des Smartphones. Momentan arbeitet das Startup mit Telefonanbietern zusammen und führt gerade ein Experiment mit der Swisscom durch.

Brian Fabian Crain ist Co-Organisator der Quantified Self Gruppe Berlin und Gründer von Epicenter Bitcoin, einem Newsletter & Podcast über Bitcoin.

Review Innovators@Google in Berlin

Am 6. Juni fand sich die Quantified Self Gemeinschaft zum ersten Mal in Google’s Berlin-Büros ein fuer den Event Innovators@Google. Anstatt der traditionellen Show & Tell Präsentationen stellten dieses Mal drei Startups im Quantified Self Bereich sich selbst und ihre Produkte vor. Dies wurde mit ein paar Worte von Jan Schallaböck der sich mit Datenschutzfragen auseinandersetzt und einer reghaften Diskussion ergänzt.

Der Anlass war ein voller Erfolg und gemäss Max Senges, der unser Google Gastgeber war, hatten sich bis auf die Eröffnungsveranstaltung noch nie so viele Leute in dem Raum befunden – insgesamt waren es über 100!

Florian Schumacher der die Berliner QS Gruppe gegründet hat und sich seit 2012 enorm für das Wachstum der Quantified Self Community in Deutschland engagiert, eröffnete den Abend. Seit kurzem als Trendscout für Wearable Technologies tätig, berichtete er über Trends im schnell wachsenden Markt der am Körper tragbaren Sensorlösungen.

Florian beschrieb das enorme Potential von Smartphones für passives Self-Tracking am Beispiel der Analyse der Gefühlslage welche allein am Klang der Stimme möglich sei und in zukünftigen Anwendungen integriert werden soll. Ebenso werde das Aktivitätsmonitoring durch die Integration in Smartphone-Betriebssysteme und den Eintritt großer Hardwarehersteller in den digitalen Fitness und Lifestyle Markt enorm an Verbreitung gewinnen.  Dabei werden zukünftige Smartphones wie auch am Körper tragbare Sensoren immer mehr Parameter aufzeichnen um präzisere Modellierungen aber auch medizinische Anwendungen zu ermöglichen.

Weitere Trends beschrieb Florian im Aufkommen intelligenter Textilien (Bsp. Socke mit Drucksensorik zur Ganganalyse ), organischer Elektronik für die Messung verschiedenster elektrischer Signale des Körpers und dem Thema Lifelogging, welches in diesem Jahr erstmals an Relevanz gewinnen und einige Diskussionen zur Privatsphäre auslösen wird.

Berlin Innovators@Google

Archify

Für das erste Startup, Archify, war Brendan Quinn zu Gast. Archify bildet via einer Browser-Erweiterung und der Verbindung mit sozialen Netwerken ein Archiv von sämtlichen Webseiten die man besucht. Danach können diese Seiten mit Archifys eigener Suchmaschine durchsucht werden.

Der Service von Archify erinnert ein bisschen an Lifelogging. Durch Lifelogging Kameras und beispielsweise auch Google Glass wird es bald möglich werden alles was man selbst sieht digital festzuhalten und zu archivieren. Archify macht etwas Ähnliches allerdings mit dem Surfverhalten.

Über ein Dashboard bietet Archify auch ein paar statistische Daten über das Suchverhalten. Brendan baute in die Präsentation auch eine kleinen Rückblick auf die letzten zehn Monate seines eigenen Surfens ein.

MySugr

Frank Westermann, der CEO von MySugr, einer mobilen Diabetes-Anwendung, folgte. MySugr wird bereits von mehr als 20’000 Diabetikern genutzt um ihren Zuckerkonsum zu tracken. Frank und seine Mitgründer sind alles selbst Diabetiker und kennen die Problematik daher genaustens.

Wie er betonte ist für Diabetiker Self-Tracking nicht nur ein Hobby sondersn absolut lebenswichtig. David Gordon hatte an der Quantified Self Konferenz in Amsterdam bereits ebenfalls darüber gesprochen, dass Diabetiker zwar allgemein ohne grosse Einschränkungen Leben können, dies aber eine genaue Abstimmung des Zuckerkonsums und der Insulinaufnahme benötigt. Dies ist natürlich ein klassisches Self-Tracking Problem und MySugr macht dies leichter und motivierender für Diabetiker indem es auch viele Spielelemente einbaut.

Frank konnte auch gleich noch verkünden, dass Tim Ferriss, der 4-Hour Workweek und 4-Hour Body Autor, ein offizieller Berater von MySugr geworden ist und das Startup fortan bei ihrem US-Launch und sonstiger Entwicklung unterstützen wird.

DropXM

Als letztes Startup war Nicola Kegel von DropXM dran. DropXM, welches noch in der Gründungsphase ist, wird kontinuierliche Bluttests anbieten um Gesundheitsmarker zu messen. Die Idee ist Schwach- und Verbesserungspunkte in der eigenen Gesundheit frühzeitig zu erkennen und konkrete Schritte zur Gesundheitsverbesserung oder Prävention zu empfehlen. Langfristig sollten dazu auch Daten vom Aktivitätstracking integriert werden.

Der Service erinnert sehr an WellnessFX, das bereits etwas Ähnliches in den USA anbietet. DropXM hat sicherlich einen guten Markt gewählt da in Europa konsumentenorientierte Gesundheits-Startups noch Mangelware sind. Die Frage wird sein ob DropXM die Preise genügend Tief halten kann um regelmässige Tests auch einem breiten Publikum finanziell zu ermöglichen.

Nicola erzählte zudem von ihrer eigenen Erfahrung mit der Messung ihres Vitamin-D Blutwertes. Seit sie nach einem ursprünglich sehr tiefem Result begann Vitamin-D als Ergänzungsmittel zu nehmen und mehr Zeit in der Sonne zu verbringen, hat sich ihre Gesundheit und Wohlbefinden merklich verbessert.

Die Datenschutzfrage

Zuletzt sprach Jan Schallaböck, der beim Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein, forscht. Er meinte die Regulierung von Quantified Self Anwendungen stehe noch sehr am Anfang und prophezeite, dass diese in den nächsten Jahren stark zunehmen werde.

Nach den Vorträgen genossen wir alle noch ein paar Getränke in der inspirierenden Atmosphäre und führten viele der Diskussionen weiter. Vielen Dank an dieser Stelle nochmals an Google und Max Senges für die Gastfreundschaft. Wir freuen uns darauf die Diskussion bald weiterzuführen.